Joscha Aaron Schmidt
2026-08-09 · Hardware · Linux · IT-Einstieg

Braucht man wirklich 64 oder 128 GB RAM? Wenn IT-Hardware zur Geldmacherei wird

Ich möchte heute einmal über etwas sprechen, das mir gerade bei jungen Menschen in der IT immer wieder auffällt: Es wird eine Menge Hardware verkauft, die für den Einstieg gar nicht nötig ist. Dazu kommen Influencer, Streams und Videos, bei denen schnell der Eindruck entsteht, man könne ohne einen High-End-PC kaum ernsthaft mit IT, Cybersecurity, Hacking oder Research anfangen.

Ich halte diese Vorstellung für problematisch. Gute Hardware ist natürlich nicht schlecht. Aber gerade Anfänger sollten nicht das Gefühl bekommen, erst mehrere tausend Euro ausgeben zu müssen, bevor sie überhaupt anfangen können.

64 GB RAM sind nicht automatisch besser

Ein gutes Beispiel ist der Arbeitsspeicher. 64 GB oder sogar 128 GB RAM werden teilweise so dargestellt, als wären sie für Cybersecurity, Hacking oder Programmierung grundsätzlich notwendig. Das stimmt so nicht.

Es gibt natürlich Aufgaben, bei denen viel RAM sinnvoll oder sogar nötig ist. Wer mehrere virtuelle Maschinen gleichzeitig betreibt, große Datenmengen verarbeitet oder sehr umfangreiche Entwicklungsumgebungen nutzt, kann davon profitieren. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Einsteiger direkt 64 oder 128 GB braucht.

Für viele typische Aufgaben reichen 8 GB bereits aus. 16 GB sind meiner Meinung nach ein sehr angenehmer Einstieg, besonders wenn virtuelle Maschinen dazukommen. Damit lässt sich schon sehr viel ausprobieren und lernen.

Gerade unter Linux merkt man schnell, dass ein schlankes System nicht zwingend einen modernen High-End-Prozessor und riesige Mengen RAM braucht. Viele Aufgaben funktionieren auch mit älterer oder günstiger Hardware problemlos.

Der Rechner macht nicht automatisch den Hacker

Für mich ist das der wichtigste Punkt: Nicht der Preis eines Computers entscheidet darüber, was jemand in der IT kann.

Man kann einem Anfänger einen Rechner für 5.000 oder 10.000 Euro hinstellen. Wenn die Grundlagen fehlen, wird die Arbeit dadurch nicht automatisch besser. Umgekehrt kann jemand mit einem älteren Notebook unglaublich viel lernen, wenn er versteht, wie sein Betriebssystem funktioniert, wie Netzwerke aufgebaut sind und wie Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden.

Ein Rechner ist am Ende ein Werkzeug. Entscheidend ist, was man damit macht.

Das gilt besonders für Linux. Ein einfaches Linux-System kann auf Hardware laufen, die heute wahrscheinlich viele schon für zu alt halten würden. Für Shell-Arbeit, Netzwerkdiagnose, Programmierung, OSINT, Log-Analyse und kleinere Automatisierungsaufgaben braucht man nicht zwingend die neueste CPU und 128 GB RAM.

Gerade am Anfang darf Hardware auch mal kaputtgehen

Günstige Hardware hat für Anfänger sogar einen praktischen Vorteil: Man hat weniger Angst davor, etwas auszuprobieren.

Bei einem alten Notebook für 100 Euro fühlt es sich einfach anders an als bei einem neuen Rechner für 3.000 Euro. Auf alter Hardware kann man Betriebssysteme installieren, Festplatten tauschen, Linux ausprobieren, Netzwerke testen und ganz praktisch lernen, wie ein System aufgebaut ist.

Wenn dabei einmal etwas schiefgeht, ist das natürlich ärgerlich. Finanziell ist es aber meistens kein großes Drama.

Dieses Ausprobieren halte ich für deutlich wertvoller als den Kauf der teuersten Hardware, die gerade in einem Influencer-Video zu sehen ist.

Influencer verdienen mit Hardware Geld

Man sollte sich außerdem fragen, warum bestimmte Hardware empfohlen wird.

Das bedeutet nicht, dass jeder Influencer absichtlich schlechte Empfehlungen gibt. Viele Inhalte auf Twitch, YouTube oder anderen Plattformen finanzieren sich aber über Werbung, Affiliate-Links, Sponsoring oder Produktplatzierungen. Wenn jemand an einem verkauften Rechner, einer Grafikkarte oder einem kompletten Setup mitverdient, gibt es natürlich einen finanziellen Anreiz, eher teure Produkte zu zeigen.

Das ist erst einmal ein Geschäftsmodell. Problematisch wird es für mich dann, wenn daraus die Botschaft entsteht: „Du brauchst dieses Setup, sonst kannst du keine richtige IT machen.“

Ein 10.000-Euro-PC mit maximaler Ausstattung ist für einen Einsteiger normalerweise keine Voraussetzung für eine gute Lernumgebung. Wenn ein Setup vor allem beeindruckend aussehen soll, lohnt sich die Frage, welchen praktischen Nutzen die zusätzliche Hardware tatsächlich bringt.

Was braucht man denn wirklich?

Die ehrliche Antwort ist: Es kommt darauf an.

Wer gerade mit Linux anfängt, kann mit einem älteren Laptop starten. Ein paar CPU-Kerne, 8 GB RAM und eine SSD reichen für viele Grundlagen vollkommen aus. Mit 16 GB wird es angenehmer, besonders wenn virtuelle Maschinen dazukommen.

Wer mit VMs arbeiten möchte, sollte meiner Meinung nach eher 16 GB als Ausgangspunkt einplanen. Mit 8 GB lässt sich aber ebenfalls schon viel machen, solange nicht gleichzeitig mehrere große Systeme laufen.

Wenn später auffällt, dass mehr RAM, eine stärkere CPU oder eine bessere GPU wirklich gebraucht wird, kann man gezielt aufrüsten.

Das ist für mich der sinnvollere Weg: Erst herausfinden, was man tatsächlich braucht, und dann Geld investieren.

Research und Hacking brauchen nicht automatisch Hardcore-Hardware

Gerade bei Research, OSINT und Security wird manchmal ein falsches Bild vermittelt. Viele Aufgaben sind überhaupt nicht besonders hardwarehungrig.

Webrecherche, Dokumentation, Quellenvergleich, Netzwerkgrundlagen, Log-Analyse, kleine Scripts, Shell-Arbeit oder das Untersuchen kleiner Datenmengen benötigen keine extreme Rechenleistung.

Auch viele Security-Werkzeuge sind nicht deshalb interessant, weil sie besonders viel CPU brauchen. Sie sind interessant, weil sie Informationen liefern oder bestimmte Arbeitsschritte vereinfachen.

Natürlich gibt es anspruchsvollere Aufgaben. Große virtuelle Umgebungen, umfangreiche Datenanalysen, Passwort-Cracking, Machine-Learning-Workloads oder komplexe Malware-Analysen können deutlich mehr Ressourcen verlangen. Das sind aber spezielle Anforderungen und kein Grund, jedem Anfänger sofort eine maximal ausgestattete Workstation zu verkaufen.

Erst verstehen, dann aufrüsten

Ich würde jungen Menschen, die gerade in die IT einsteigen, deshalb empfehlen, zunächst mit günstiger und zuverlässiger Hardware zu arbeiten.

Lernt zuerst das Betriebssystem kennen. Lernt die Shell und Netzwerke. Versteht Prozesse, Dateisysteme, Berechtigungen und Logs. Baut euch eine kleine Laborumgebung auf. Nutzt virtuelle Maschinen, wenn ihr sie braucht. Und wenn ihr irgendwann an eine technische Grenze kommt, schaut genau hin, warum diese Grenze entsteht.

Dann kann man gezielt aufrüsten.

Wenn die VM zu wenig RAM hat, braucht ihr RAM. Wenn die CPU zu langsam ist, schaut euch die CPU an. Wenn Speicher fehlt, erweitert den Speicher. So entsteht ein Setup, das zu eurem tatsächlichen Workflow passt und nicht zu irgendeinem Werbevideo.

Technik ist ein Werkzeug – und Verantwortung gehört dazu

Gerade im Security-Bereich gehört für mich noch etwas dazu: Man sollte nicht nur lernen, wie Systeme angegriffen werden, sondern zuerst verstehen, wie man sie schützt.

Defensive Arbeit ist eine wichtige Grundlage. Wer versteht, wie ein System funktioniert, wie Logs entstehen, wie Zugriffe kontrolliert werden und wie Angriffe erkannt werden, bekommt automatisch ein besseres Verständnis für die offensive Seite.

Security ist schließlich nicht nur die Frage, ob man einen Angriff technisch durchführen kann. Es geht auch darum, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Grenzen zu kennen.

Ein leistungsfähiger Rechner macht niemanden automatisch zu einem besseren Security-Researcher. Wissen, Geduld, saubere Recherche und ein gutes Verständnis technischer Zusammenhänge sind wesentlich wichtiger.

Fazit

Ich finde es schade, wenn junge Menschen glauben, sie müssten erst mehrere tausend Euro ausgeben, bevor sie mit IT anfangen können.

Das ist nicht nötig.

Ein günstiger Rechner mit Linux kann ein sehr gutes Lernwerkzeug sein. 8 GB RAM reichen für viele Aufgaben, 16 GB sind für virtuelle Maschinen und einen komfortableren Workflow eine gute Größe. 64 oder 128 GB können sinnvoll sein, wenn der eigene Anwendungsfall sie wirklich braucht – sie sind aber kein Eintrittsticket in die IT.

Mein Rat deshalb: Kauft nicht das Setup, das auf Twitch, YouTube oder TikTok am beeindruckendsten aussieht. Kauft das, was ihr tatsächlich braucht.

Und wenn ihr noch nicht wisst, was ihr braucht, ist das sogar ein guter Grund, erst einmal klein anzufangen.

Am Ende entscheidet nicht der Preis der Maschine darüber, was man aus ihr machen kann. Entscheidend ist der Mensch davor.